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Kolumbien 2017

April 11, 2017

Auf nach Kolumbien

Für alle, die nicht mitbekommen haben, was seit dem letzten Blog Eintrag passiert ist:

Eine Kurzfassung:

Auf meinen Reisen habe ich immer wieder aufs Neue festgestellt, dass die Welt sich doch um einiges sauberer drehen könnte und schon vieles einfach falsch läuft aus Unwissenheit. Der viele schwimmende Plastikmüll, die brennenden Laubhaufen überall an den Straßenrändern, die beschissene Wasserqualität und die Respektlosigkeit der Natur gegenüber.

So habe ich einen Permakultur Kurs gemacht in Berlin an der Permakultur Akademie der war Augen öffnend, (danke Rike, danke Kipper, mit euch habe ich tolle Menschen kennen gelernt). Dann einige Zeit in der Türkei bei meinem Bruder mit Permakultur zu tun gehabt und an seinem Earthship gebaut, mich mit den Gartentechniken versucht, über ökologische Themen im Internet informiert und irgendwann gesagt:

Das klingt doch alles ganz gut, was in den Permakultur Ratgebern steht, aber…

Ich wollte gerne die Esoterik aus der Sache herausnehmen und das ganze Thema mehr wissenschaftlich angehen. Eine sehr lieb gewonnene Wooferin bei meinem Aufenthalt in Izmir festigte meinen Gedanken nun doch studieren zu gehen. (Danke JennyF)

Irgendwas mit Umwelt oder Naturschutz und Ökologie ist auch was ich will, dachte ich. In Deutschland gab es drei Schulen zur Auswahl.

Meine Bewerbungen an zwei Hochschulen scheiterten, ich hatte vergessen, dass ich nicht mehr das typische Studieralter besaß. Die Dritte Schule wollte mich aber sehen.

So bin ich in Zittau gelandet und studiere nun schon im 6. Semester Ökologie und Umweltschutz an einer kleinen Hochschule am äußersten Ende Deutschlands. Ich dachte damals, als ich auf der fernen Inselgruppe Komodo und Flores in Indonesien war und bei dem Dorf „Ende“ mit dem Moped umkehrte, dass das das Ende der Welt und der östlichste Zipfel ist. – Zittau ist östlicher. Aber hat seinen Charme, denn der Zusammenhalt ist ein ganz anderer als in einer Stadt wie Berlin. Zittau ist eine gute Stadt zum Studieren und man kann sehr günstig wohnen, was für mich, der keine Unterstützung erhält aber auch keine Zeit zum Arbeiten finden wird, neben dem Studium entscheidend ist.

Nach dem fünften Semester folgt das Praxissemester, es war von Vornherein klar, dass ich das Praxissemester nicht in Deutschland absolviere, so war ich froh über das Angebot von Armin, einem Absolventen des gleichen Studiengangs, der sein Praxissemester in Kolumbien verbracht hatte und nun selbst in der NGO in Cali, Kolumbien arbeitet und lebt.

Das Thema Permakultur ist während dem Studium ziemlich zur Seite gerückt, denn die ganzen Naturwissenschaftlichen Fächer die man als Hürde erst einmal nehmen musste, ließen keinen Raum zum Aufatmen, geschweige denn zur Entwicklung von eigenen Ideen.

So wollte ich aber mein Ziel nicht aus den Augen verlieren und bat Armin, der nun mein Betreuer für das Praxissemester ist, mir eine Aufgabe anzubieten, die etwas mit Permakultur zu tun hat.

Agroforestry, genauer Silvopastorale Agroforestry ist nun mein Thema.

An dieser Stelle möchte ich noch der Hochschulleitung danken die mich für ein Stipendium der DAAD auswählten und wenigstens der teure Flug damit beglichen werden konnte.

Und hier noch ein heißer Tipp: Ich Depp habe das natürlich vermasselt. Bucht Hin und zurück, wenn ihr fliegt. Denn ich habe nur einen einfachen Flug gebucht, weil ich im Anschluss nach Chile, Peru oder sonst wo wollte und dachte das entscheide ich dann vor Ort, von wo ich zurückfliege. So bezahlte ich für einen einfachen Flug fast so viel wie für einen Hin und Rückflug und durfte einen weiteren Hin und Rückflug teuren Rückflug buchen nachdem ich mich entschieden habe. Somit habe ich fast das Dreifache bezahlt für meinen Trip. Arrrrgggh

Zurück zu Silvopastoral:

Eigentlich kurz gefasst: die gleichzeitige Nutzung einer landwirtschaftlichen Fläche für Tierhaltung kombiniert mit Pflanzen wie Büsche und Bäume.

Das ist nichts Neues, aber wurde im Zuge der Optimierung irgendwann abgelöst durch Massentierhaltung. Mit dieser „Optimierung“ folgten die kleinen Nebeneffekte die sich dann summieren: Abholzung der Wälder für Weideflächen, weil die Kühe irgendwann nur noch die Kräuter übrig lassen die sie nicht so gerne fressen, wachsen die besonders üppig, die man dann mit Herbiziden killt, die eigentlichen Futterpflanzen werden zu Bonsais herunter geknabbert. Pestizide für die Tiere, Monokulturen für Zufutter… zusätzliche Düngung auf der einen Seite und zu viel Dünger auf der anderen Seite, damit Wasserverschmutzung, … das kennt man ja alles.

Aber was auch ziemlich darunter leidet ist die Biodiversität. Die verdrängten Wildtiere und Pflanzen. Insbesondere in Kolumbien ist das besonders gravierend.

Zur Biodiversität in Kolumbien:

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In Cali haben manche Bäume sogar Steckdosen

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oder wachsen mal so daneben

Kolumbien befindet sich nahe am Äquator, somit fehlt für viele Pflanzen der klimatische Stress, im Winter die Blätter abwerfen zu müssen oder zu wenig Sonnenstunden zu haben, wie man es im thermischen Jahreszeitenklima bei uns kennt. Der Temperaturumschwung zwischen den Jahreszeiten ist hier geringer als zwischen Nacht und Tag, was man Tagezeitenklima nennt. Zudem hat es Strukturell die Anden, eine enorme Bergkette, somit viele Höhenstufen und viele verschiedene aber mehr oder minder konstante Lebensbedingungen, und Nischen.

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die schwarzäugige Susanne (Thunbergia alata) sieht zwar hübsch aus, ist aber invasiv und überwuchert an manchen Stellen alles und erdrückt die Vegetation mit ihrer Biomasse. Ein Zeichen für ein gestörtes Ökosystem. Wikipedia sagt sie wird bis 3 Meter hoch, falsch hier findet man sie bis 15 Meter in den Bäumen hängen

Durch den Massenerhebungseffekt, also den Zustand, dass auch große Plateaus so hoch über dem Meeresspiegel liegen, ist auch die Wald- und Baumgrenze höher. In den trockenen Anden gibt es einen Baum der wächst sogar auf 4.500 m ü. NN (Polylepis tomentella). Neben den hartgesottenen Ubiquisten die sich fast überall wohl fühlen, haben sich auch ganz viele andere Pflanzen entwickeln können die genau in ihrer bestimmten Nische spezialisiert sind. Ach Ja, auch die Eiszeit war hier nicht so krass wie in Europa. Wo alles ausgelöscht wurde was mit der Kälte nicht klar kam und nicht bei drei über die Alpen war.

Also diese ganzen Faktoren haben dafür gesorgt, dass es hier um Einiges Bunter zugeht.

Heuschrecke

Orthoptera Eumastacidae

Und mit der Vielfalt der Pflanzen verbunden ist auch die der Tiere. Kolumbien ist nach Brasilien das Land das die höchste Biodiversität der Welt aufweist und ist Nummer eins in Bezug auf die Anzahl verschiedener Vogelarten und Orchideen. Im Vergleich: wir haben ca. 250 heimische Brutvogelarten in Deutschland (bfn.de) und alleine das Valle del Cauca, in dem ich mich befinde, zählt von den 1921 in Kolumbien bekannt vorkommenden Vogelarten 859 (calidris.org.co) 79 davon sind endemisch, kommen also nur hier in Kolumbien vor. 15 von diesen sogar nur hier im Valle del Cauca.

Und das alles ist extrem gefährdet und gerade dabei zu verschwinden.

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Dapa Viva

Aber da kommt unter wenigen anderen Dapa Viva ins Spiel, die Organisation für die ich gerade arbeite.

Sie arbeiten an der Aufklärung der Bevölkerung und versuchen den Schutz der Wälder voran zu bringen.

Mein Ziel das wir uns bei Dapa Viva gesetzt haben ist es, mehr Waldflächen aber auch Nischen für die Tierwelt zu schaffen. Ich habe mir zur Aufgabe gesetzt, dies gemäß der Grundregeln der Permakultur zu erreichen und alles in einem wissenschaftlichen Rahmen zu verpacken.

Die zwölf Regeln der Permakultur

  1. Beobachte die Natur und interagiere sorgfältig mit ihr.
    2. Fange die Energie ein und bewahre sie.
    3. Ernte.
    4. Selbstregulation.
    5. Nutze erneuerbare Ressourcen.
    6. Produziere keinen Abfall.
    7. Gestalte nach übergeordneten Mustern bis ins Detail.
    8. Integrieren statt separieren.
    9. Finde kleine und langsame Lösungen.
    10. Schätze die Vielfalt.
    11. Nutze die Randzonen.
    12. Sei kreativ und reagiere auf Veränderungen.
Silvopastoral

Die Kuh vorne war schwanger, ein paar Tage später habe ich Ihr gerade geborenes Kalb im Gebüsch gefunden

Hierfür erarbeite ich ein Konzept, damit die Kühe weniger Fläche brauchen um satt zu werden. Das passiert über Methoden des Holistic Managements. Das ist abgeschaut von dem natürlichen Verhalten der wandernden Herden. Die Tiere (Bison, Zebra, Antilope,…) wandern von einem Punkt zum nächsten. Dort wo sie Rast machen, fressen sie. – aber bleiben schön dicht zusammen um nicht als Löwenfutter zu enden. Bis sie weiter ziehen und irgendwann wieder zurück kommen, wenn wieder Gras über die Sache gewachsen ist.

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die Nabelschnur war noch frisch, ich habe ihm den Namen Schnitzel gegeben

Die Weidefläche wird aufgeteilt in Parzellen in denen sie sich jeweils eine Weile aufhalten, bis sie alles abgefressen haben. Was sie nicht fressen trampeln sie platt, somit hat kein Kraut einen Vorteil. Zugefüttert wird mit Pflanzen die als Proteinpflanzen bekannt sind. Wenn sie in das nächste Quartier wandern, verlassen sie ein durch Tritte aufgewühltes und mit ihrem Dung versehenes Feld. Diese Fläche bleibt abgesperrt bis aus den unverdauten Samenkörnern die die Kühe geschissen haben wieder eine satte Grünfläche gewachsen ist, aus den Pflanzen die sie fressen.

Die Abtrennung der Parzellen soll im besten Fall durch lebende Zäune erfolgen, das sind Bäume und Büsche die dicht genug sind, dass die Kühe sie nicht überwinden können. Zu einem Teil aber auch als Futter geeignet sind, somit von den Tieren in Form gefressen werden. Was eine Barriere für die Rinder ist, dient als Korridor für andere Tiere. Diese natürlichen Randzonen werden zu Habitaten für Vögel und andere Tiere.

Integriert werden verschiedenste heimische Gehölze die Schatten oder Futter spenden sollen.

Während der Aufteilung des Landes werden vereinzelt stehende Bäume mit eingeplant, so dass sie eine Aufgabe erhalten und automatisch geschützt werden. Bestehende Waldstücke werden abgegrenzt und eingezäunt.

Aotus Lemorinus

Aotus lemorinus der Nachtaffe

Ein großes Problem für viele größere Tiere ist die Zerstückelung ihrer Habitate. So ein Nachtaffe wandert von Baum zu Baum, wenn aber lauter Waldinseln getrennt voneinander vorliegen, dann kann es sein, dass in einer Insel die Population sich auf die Füße tritt und sie sich im Konkurrenzkampf und Inzest zu sehr schwächen.

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ein paar Kandidaten die die Überquerung der Fragmente nicht überlebt haben aber wenigstens als Anschauungsobjekte präpariert werden: Beutelratte (Philander andersoni), Nachtaffe  (Aotus lemorinus) und kolumbianisches Eichhörnchen (Sciurus pucheranii) Alle drei sehr wichtig für die Verbreitung der Baumsamen.

Während 50 Meter weiter ein großes Habitat voll praller Bäume steht die sich nicht vermehren können, weil sie die Darmpassage benötigen um keimen zu können und unter anderem der Affe fehlt der die Früchte frisst und wo anders als Saatbomben kackt.

 

 

Europa hat das Problem schon erkannt mit den zerstückelten Habitaten und hat das NATURA 2000 Projekt das Korridore zwischen Schutzgebieten schafft. Das versuchen wir hier mit meiner Arbeit auch zu schaffen.

Wie man jetzt aktuell mitbekommen hat, ist Erosion und Erdrutsch ein großes Thema. Die letzte Woche durch einen Schlammrutsch verschütteten Häuser würden mit großer Wahrscheinlichkeit noch stehen, wenn die Hänge nicht abgeholzt wären. Das Regenwasser von dem es am Äquator im Überfluss gibt, hätte so einen Puffer gehabt in den Kronen der Bäume und durch die Wurzeln wäre der Boden und das Wasser gehalten worden.

In mein Konzept habe ich daher „Swales“ mit rein genommen, das sind Gräben die an Hängen das rasche abfließen verhindern sollen und das sich darin sammelnde Wasser in den Boden einarbeiten, statt es mit der Krume zusammen abfließen zu lassen.

Weiterhin ist eine ziemlich beträchtliche Excel Tabelle entstanden aus den hier vorkommenden Pflanzen die ich angelegt habe mit ihren Skills.

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bei der Durchquerung des Grundstücks zerstört man auch ein paar Spinnennetze

Darin aufgenommen habe ich alle mir bietenden Baumarten die hier heimisch sind, aufgelistet mit ihren Eigenschaften. Sind sie vom Aussterben bedroht, In welchen Höhenlagen kommen sie vor, haben sie besonderen Wert für die Wildtiere, sind die Früchte essbar, dienen sie als Erosionsschutz, Grundwasserschutz, kann man sie als lebenden Zaun pflanzen, können sie Stickstoff fixieren und andere Skills. Das hat mich Wochen gekostet in denen ich mich durch spanische Bücher gefressen habe.

Guamos Inga spp

inga edulis, diese Mimosaceae bindet Stickstoff, Früchte sind essbar auch für Mensch, Wasserschutzpflanze, Erosionsschutz,Schattenspender und Proteinbank, sieht schön aus und ist medizinisch nutzbar.Perfekt!

Als nächstes sollen Baumschulen dafür sorgen, dass die Bäume aus meiner Liste herangezogen werden. Die Samen bekommen wir wahrscheinlich vom Herbarium meiner Universität in Cali wo ich über dieses Semester eingeschrieben bin.

Nachdem ich mir da also einen Plan gemacht habe, was wichtig ist und was im Vorhinein zu klären ist, bin ich zu meinem ersten Kunden einem Großgrundbesitzer gegangen, der mir erlaubt hat, mich auf seinem Land umzuschauen.

Ich bin da also mehrere Tage hoch und runter sein Grundstück abgelaufen und habe überall wo ich wichtige Punkte gesehen habe einen GPS Punkt gesetzt, wichtige Kürzel in mein Büchlein geschrieben und Fotos gemacht. Diese kommen auf eine Landkarte die ich aus Luftaufnahmen (hoffentlich bekomme ich bald eine Drohne) noch erstellen muss und dann geht die Planung los. Bin mal gespannt, wie weit meine Planung gehen darf, was davon realisiert wird. Denn bis hier her ist alles noch Theorie. Viel Arbeit findet am Rechner statt, dieser steht in dem Offie in dem ich auch schlafe. Eine Holzhütte mit Wellblechdach in der mein Mitbewohner Jannis und ich es uns hübsch gemacht haben.

CasaDapaViva

vorne Luna,hinten SinNombre,am Geländer hängen Bromelien,das sind Baumsitzerpflanzen die keine erde benötigen und ihren Stickstoff aus der Luft binden. Diese sind vom Baum gefallen…

Was ich allerdings vermeiden wollte aber nun doch passiert ist, wir haben uns zwei bis drei Straßenhunde angefüttert, Erst Luna, eine nette Hündin und dann kam auch ihr Zwillingsbruder, der „ohne Name“ dazu. Wir haben ihn „Sin-Nombre“ genannt. Also OhneName. Sie passen auf unsere Hütte auf, rennen den Mopeds und Rennradfahrern hinterher die hier an der Hauptstraße ständig fahren um uns vor ihnen zu beschützen und freuen sich tierisch wenn wir ihnen Hundefutter dafür geben.

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From → Südamerika

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